Germete, den 25. Oktober 2009
Lobberich, den 30. November 2009

Vorschlag für eine Beschlussfassung der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation in Kingston 2011 Den Krieg und jede tötende Gewalt ächten: In der Liebe zum Feind erkennen wir die Liebe zu Gott, die Liebe zum Nächsten und zu uns selbst

Die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen beschloss 1948: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Trotz dieser Einigkeit blieb die Versammlung uneins über die Folge dieses Bekenntnisses und stellte nebeneinander die Position der Pazifisten, vertreten durch die Friedenskirchen, die Position der „ultima ratio“ und die Position der „Staatsräson“. Nach über 60 Jahren, unzähligen Toten und Verletzten durch erklärte und nichterklärte Kriege, ein Vergeuden von Ressourcen zugunsten der Rüstung auf Kosten der Benachteiligten dieser Welt, erkennen wir, dass die Probleme dieser Welt in geistlicher, finanzieller, wirtschaftlicher, kultureller, sozialer und ökologischer Hinsicht und nach den desaströsen Erfahrungen der Problemsteigerung durch kriegerische Gewalt zuletzt im Irak und in Afghanistan nicht zu lösen sind: Wir erkennen, dass die Zeit der Unschlüssigkeit in der Friedensfrage vorbei ist.

Zum Abschluss der Dekade zur Überwindung von Gewalt finden wir nach den überwältigenden Erfahrungen mit Gottes Gewalt überwindender Güte in vielen Bereichen unseres Lebens den Mut, uns nun eindeutig zur Feindesliebe Gottes zu allen Menschen und zur uneingeschränkten Gewaltfreiheit untereinander zu bekennen. Wir sehen hier den Weg der Kirche, die ihrem Herrn und Heiland Jesus Christus treu bleiben will, vorgezeichnet. Wir bitten den Ökumenischen Rat der Kirche, sich diesem Bekenntnis nicht zu verschließen und gemeinsam mit uns in der Absage tötender Gewalt und in der Ächtung des Krieges den Verheißungen Gottes auf die Gegenwart seines Reiches zu vertrauen und darin gemeinsam Wege des Lebens für Mensch und Mitwelt zu finden. Denn:
1.In der Liebe zum Feind erkennen wir die Liebe zu Gott, die Liebe zum Nächsten und zu uns selbst.

Gott hat uns geliebt als wir zu ihm noch feindlich gesinnt waren (Röm 5,8). So wie wir von Gott geliebt worden sind, trotz unserer feindlichen Gesinnung ihm gegenüber, können wir Gott nur lieben, wenn diese Liebe zu Gott auch die Liebe zum Feind beinhaltet. Dies befreit dazu, umzukehren, Schuld anzuerkennen und neu anzufangen.

Tötende Gewalt zu lernen und anzuwenden, verunstaltet den Menschen, das Ebenbild Gottes, zum Soldaten: Als Soldat oder Soldatin wird er oder sie ein Mittel zum Zweck. Tötende Gewalt verfremdet den Nächsten, seinen Gegner, zum Wesen, das nicht mehr als „Mensch“ angesprochen wird, sondern zum „Objekt“ erniedrigt wird. So wird die Würde des Anderen wie die eigene Würde verletzt.

Die Fülle der Gaben, die Gott uns mit dieser Welt zum Leben gegeben hat, werden missbraucht, indem sie zur Herstellung von Waffen dienen. Militärische Einrichtungen richten größte Umweltverschmutzungen an. Das kapitalistische Wirtschaftssystem, das Kriege zu seiner Aufrechterhaltung nötig hat, spricht der Gerechtigkeit, die Gott schenkt, Hohn.

Beschlussvorschlag:
Wir bekennen unsere Schuld, die Liebe zum Feind nicht als Weg der Liebe zu Gott bekannt zu haben. Im Gegenteil, wir haben furchtbare Schuld auf uns geladen, wo Menschen mit der tödlichen Botschaft in den Krieg entsandt worden sind, sie würden Gott lieben, wenn sie ihre Feinde töteten (Kriegstheologie). Wir sind dankbar für alle Zeuginnen und Zeugen, die sich auch unter Einsatz des eigenen Lebens für die Wahrheit der Feindesliebe eingesetzt haben. Ihr Erbe verpflichtet uns zur weltweiten Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens, tötende Gewalt in jeglicher Gestalt und den Krieg zu ächten.

Gemeinden werden ermutigt, Betriebe, zur Herstellung von Waffen in ihrer Nähe zu benennen und Eigentümer und Arbeiter dazu aufzurufen, mit ihrer Produktion und Arbeit dem Leben und nicht dem Tod zu dienen. Gemeinden werden ermutigt, Menschen zu unterstützen, die die Arbeit zur Produktion von Waffen verweigern und darum ihren Arbeitsplatz verlieren.

2. Wir können nicht erkennen, wie die Weisung Jesu, seine Feinde zu lieben, in irgendeiner Weise eingeschränkt werden kann. Jegliche Einschränkung der unbedingten Feindesliebe setzt sich selbst zum Maßstab für Leben und Tod anderer, verleugnet die Wirklichkeit der Umkehr und verführt zur Liebe des Machbaren durch Macht und Gewalt statt zur Liebe zu Gott durch die Kraft der unnachgiebigen Güte und unaufhaltsamen Geduld. Darum ist keinem Menschen tötende Gewalt und Krieg erlaubt. Es ist keinem Menschen erlaubt, tötende Gewalt zu lernen bzw. zu lehren. Es ist keinem Menschen erlaubt, Waffen zu entwickeln, herzustellen, zu lagern, damit zu üben, instand zu setzen oder sie zu exportieren.

Als Christen treten wir dafür ein: Jeder Mensch hat das Recht und die Pflicht, Vorbereitungen und Ausführungen von Gewalt (Violence) zu verweigern.

Beschlussvorschlag:
Jeder Mensch hat das Recht und die Pflicht, Vorbereitungen und Ausführungen von Gewalt (Violence) zu verweigern. Die UNO-Generalversammlung wird gebeten, dieses Menschenrecht in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aufzunehmen. Der nächsten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen wird vorgeschlagen, die nächste Dekade der Verwirklichung dieser und anderer Früchte der „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ zu widmen.

3. Die Menschheitsgeschichte kennt eine Fülle von Möglichkeiten, im gewaltfreien Kampf bedrohte Menschen zu schützen. Diese Methoden kennenzulernen, zu studieren, zu verstehen, einzuüben und weiterzugeben, ist Auftrag und Aufgabe der Kirchen im Anschluss an die Dekade zur Überwindung von Gewalt.

Beschlussvorschlag:
Wir anerkennen die Pflicht, bedrohte Menschen zu schützen. Diese Pflicht beinhaltet nicht die Verpflichtung, andere Menschen zu töten. Der Pflicht zum Schutz bedrohter Menschen dienen Methoden des gewaltfreien Widerstandes, Aktionen des zivilen Ungehorsams, Methoden der zivilen Verteidigung, ein Frühwarnsystem, Prävention und eine internationale Polizei nach internationalem Polizeirecht unter der Kontrolle nationaler und internationaler Gerichte, ausgestattet und ausgebildet allein nach polizeilichen Grundsätzen der Gewaltentrennung. Wir wissen, dass es trotz all dieser Mittel immer wieder der Fall sein mag, nicht zur rechten Zeit die richtige rettende Handlung zu finden. Dies ist dennoch keine Begründung dafür, Mittel und Methoden tötender Gewalt vorzuhalten und einzusetzen, die zum Bestandteil des Konfliktes werden, statt zur Lösung beizutragen.
Gewaltfreie Kommunikation wird in den Bildungskanon aufgenommen. Die Fülle der Möglichkeiten gewaltfreien Handelns zum Schutz von Menschenrechten, im Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist zu sammeln, zu sichten und allgemein zugänglich zu machen. In jeder Gemeinde gibt es Beauftragte, diese Handlungsmöglichkeiten regelmäßig einzuüben.

4. Der Friede auf Erden ist Gottes Ehrensache (Luk 2,14). Gottes Menschwerdung lädt dazu ein, durch Jesus Christus umzukehren und, zugehörig zu Gottes neuer Welt, zu Recht gebracht (gerechtfertigt und wiedergeboren) zu werden sowie neu anzufangen. Indem wir so von den gottlosen Bindungen dieser Welt befreit werden, werden wir befreit zum dankbaren Dienst für diese Welt.

Beschlussvorschlag:
Gott hat uns in Jesus Christus sich selbst mit seiner ganzen Fülle geschenkt. Diese Fülle ermöglicht es uns, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu leben. Es bedarf darum einer ökumenischen Theologie des Friedens, die diese Fülle, die Gott uns in seinem Wort geschenkt hat, hebt, sichtet, versteht und verständlich und allgemein zugänglich macht. Es sind ökumenisch ausgerichtete friedenstheologische Lehrstühle einzurichten und Friedenstheologie in der theologischen sowie allen weiteren kirchlichen Ausbildungen zu verankern. Vor allem in der Arbeit mit jungen Menschen werden Theorie und Praxis der Friedenstheologie Bestandteil der kirchlichen Bildung.

Nachwort:
Dieser Text basiert auf der Arbeit des AK "Friedensaufgabe und Soldatenseelsorge" des Versöhnungsbund/deutscher Zweig – und hat Ende Oktober 2009 die Zustimmung der Vollversammlung des Ökumenischen Netzes in Deutschland (ÖNiD) erfahren.
rev: 1.1 2009-11-30 16:16:01 +0000