Offener Brief an Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!

Wir sind ein Kreis evangelischer Christinnen und Christen aus Bayern und haben uns auf unserer Jahrestagung Anfang Oktober 2009 mit der Frage beschäftigt, was aus der „Wende“ von 1989 angesichts der Krise der Weltwirtschaft von heute zu lernen sei. Als Ergebnis dieser Tagung schreiben wir Ihnen diesen Brief.
ßß 1. Wir zweifeln daran, dass Wirtschaftswachstum, in Prozent des Brutto-Inlandsprodukts gemessen, uns aus der Krise führen wird. Zu deutlich ist uns, dass wir auf einer begrenzten Erde leben. Statt einfach nach „Mehr“ zu rufen, müssen wir uns auch fragen, wo wir bereits genug haben und genug oder zu viel verbrauchen. Die Weltwirtschaftskrise und die Klimakrise haben für uns die gleiche Ursache: Den blinden Glauben an Markt und Geld. Dem wollen wir eine ökologische und soziale Gerechtigkeit entgegensetzen.
Wir bitten Sie deshalb, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, eine Bilanzierung nach dem „Ökosozialprodukt“ auf den Weg zu bringen und in Ihrer Regierungsarbeit Wachstum qualitativ und nicht quantitativ zu definieren.

2. Wir haben von Fachleuten gehört, wie bestimmte Finanzprodukte und Anlageformen die Krise verursacht haben und erfahren, dass diese bis vor nicht allzu langer Zeit nicht zugelassen waren. Darum bitten wir Sie, dafür zu sorgen, dass Derivate, Leerverkäufe und Hedgefonds u. ä. m. EU-weit verboten werden, weil ihr Nutzen gering und ihr Risiko immens ist. Wir würden uns auch freuen, wenn Sie an Ihrem in Pittsburgh gemachten Vorschlag einer Börsenumsatzsteuer festhalten und ihn zusammen mit anderen Regierungen durchsetzen würden.
Beides würde nach unserer Überzeugung einer nächsten Finanzkrise wirksam vorbeugen.

3. Wir möchten Sie, sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, bitten: Sorgen Sie dafür, dass nicht Menschen hier und weltweit für die Kosten der Krise aufkommen müssen, die sie gar nicht verursacht haben. Diese Menschen sind auf solidarische Sozialsysteme und öffentliche Daseinsvorsorge sowie die 60 ärmsten Länder der Erde auf den Erlass ihrer Schulden und einen fairen Handel angewiesen. Bitte verhindern Sie, dass die Zukunft vieler Menschen durch privates Gewinnstreben (z. B. im Bereich Verkehr oder Gesundheit) und durch Willkür der Kapitalmärkte (z. B. Fonds mit Nahrungsmitteln) erschert wird.

Weil wir wissen, dass Sie die Erfahrungen der Wende von 1989 mit uns teilen und weil Sie als ehemalige Umweltministerin eine bewohnbare Welt im Blick haben, wenden wir uns gerade jetzt zu Beginn einer neuen Legislaturperiode und im Blick auf den Gipfel in Kopenhagen an Sie.
Wir versichern Ihnen, dass wir Sie bei mutigen, zukunftsweisenden Entscheidungen nach Kräften unterstützen werden.

Wir grüßen Sie und wünschen Ihnen für Ihr verantwortungsvolles Amt Kraft und Gottes Segen
Im Auftrag der Teilnehmenden der Tagung „Wenden lernen“ am 9./10.Oktober 2009
Das Leitende Team des Arbeitskreises Evangelische Erneuerung (aee) Richard Gelenius, Martin Kleineidam, Hans-Gerhard Koch, Gerhard Monninger, Kristina Reichert, Ulrich Willmer, Christine Wolf, Thomas Zeitler
und die Co-Autoren Alfred Ascherl, Charlie Friedemann Jung, Hans Harald Willberg, Bernd Winkelmann
rev: 1.1 2009-11-23 11:30:34 +0000