Paradigmenwechsel in der Ökumene? –
Grundlagen der künftigen Zusammenarbeit im europäischen und globalen Kontext
Ein Tagungsbericht
Die Frage nach einem Paradigmenwechsel in der Ökumene stellt sich nicht zuletzt seit der Veröffentlichung des gleichnamigen Buches von K. Raiser. Der ehemalige Generalsekretär hielt auch eines der zentralen Referate auf einer Tagung an der Evangelischen Akademie in Loccum vom 2.-3. Februar 2011, zu der das Außenamt der EKD eingeladen hatte.
Die Tagung sollte danach fragen, ob die Muster ökumenischen Denkens und Handelns aus-reichende strategische Relevanz für die Beeinflussung von Veränderungsprozessen in der gesellschaftlich-politischen und religiösen Entwicklung haben. Anders ausgedrückt: Wie kön-nen plurale Glaubenskulturen zu einem gemeinsamen Zeugnis ihrer Weltverantwortung kom-men? Welche Verhaltensformen und Instrumente brauchen wir miteinander, um Ökumene als den „einen Haushalt des Lebens“ auszugestalten und wirksam zur Geltung zu bringen?
Wir – Elisabeth und Bernd-Dieter Fischer – nahmen im Auftrag des ÖNB an der Tagung in der gespannten Erwartung teil, welche Rolle Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung spielen würden. Dass sie eine Rolle spielen sollten, kam bereits im Programm zum Ausdruck, weil drei der 6 Arbeitsgruppen dem Handlungsfeld GFS gewidmet waren, zugespitzt auf akute Problemfelder: Klimagerechtigkeit, gerechter Friede und Armutsbe-kämpfung.
Paradigmenwechsel? Wenn ja: welcher?
Das Schlüsselwort „Paradigmenwechsel“ soll nach Raiser helfen, Veränderungsprozesse in der Ökumene und in der Welt wahrzunehmen. Der Begriff „Paradigma“ stammt aus der Wis-senschaftstheorie und versteht sich als Kennzeichnung eines umfassenden Denk- und Ori-entierungsrahmens. Ob in der Ökumene der „christozentrische Universalismus“ (Visser’t Hooft) zugunsten der Vorstellung vom „einen Haushalt des Lebens“ (Raiser) abgelöst wurde, oder ob man lieber von einer gemeinsamen Vision spricht und auf das neue Leitbild der Öku-mene als einer Gemeinschaft von Kirchen auf dem Weg verweist, - eines scheint sicher zu sein: Die Ökumene befindet sich in einem Transformationsprozess. Ein umfassendes theolo-gisches und ekklesiologisches Paradigma für die Ökumene ist jedenfalls nicht in Sicht oder wird vielleicht erst aus der Rückschau zu gewinnen sein.
Anders sieht die Anwendung der Rede vom Paradigmenwechsel auf Bereiche aus, die als Handlungsfelder christlicher Weltverantwortung in den Blick kommen: Im Blick auf die inter-nationale politische Ordnung wird die Abkehr vom staatszentrierten Paradigma gefordert, oder es wird Kritik am neo-klassischen Paradigma der Wirtschaftstheorie und -praxis ge-äußert, oder die Entwicklung eines Paradigmas politischer Ökonomie wird verlangt, das an den Werten Gerechtigkeit, Partizipation und Nachhaltigkeit orientiert sein müsse, oder es wird über das Konzept „gemeinsamer Sicherheit“ in den internationalen Beziehungen als leitendes Paradigma nachgedacht.
Konkretionen zum Konziliaren Prozess
Wie konkretisierte sich nun der Aspekt der Weltverantwortung – eine interessante Frage für das ÖNB - in der Tagung? Drei der sechs Arbeitsgruppen sollten sich im weiteren Verlauf der Frage stellen, welche Handlungs- und Kommunikationsformen Kirche bzw. Ökumene braucht, um wirksam in die gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse einzu-greifen und Weltverantwortung wahrzunehmen. Dabei ging es nicht vorrangig um Probleme auf der Sachebene sondern um Vernetzung, Vermittlung und Bündelung ökumenischer Akti-vitäten.
Beispiel Klimagerechtigkeit (AG 1): Einig war man sich in der Feststellung, dass es bereits einen breiten ökumenischen Konsens für die Zusammenarbeit bei der Klimagerechtigkeit gibt, dass die Gleichzeitigkeit mehrerer Krisen unverzügliches Handeln verlangt, dass konse-quentes Umsetzen nachhaltiger Entwicklung auf allen Ebenen zu realisieren ist. National: Kampagnenfähigkeit wie bei der Klimaallianz unter Beweis stellen. Schritte der Verbindlich-keit sind zu beschreiben. Das eigene Handeln der Kirchen muss glaubwürdig sein und vom Evangelium her begründet werden. Eine gemeinsame Aktionsplattform für alle Kirchen ist einzurichten. Internationale Ebene: Positionierung zu G8 und G20; Fachperspektive der KEK*) in Brüssel einbringen.
Beispiel: Professionalisierung in Entwicklungs- und Konfliktbearbeitungsprozessen -Perspektive Gerechter Friede (AG 2): Hier stellte zunächst Frau Dr. Bethge von EIRENE in sehr eindrücklicher Weise ein Fallbeispiel aus Zentralafrika vor, das Friedensarbeit als Ver-söhnungsarbeit einschließlich Wiedergutmachung (= wiederherstellende Gerechtigkeit) zum Schwerpunkt hatte.
Auch wenn die Bedingungen aus Ruanda, Tansania und dem Kongo nicht unmittelbar auf unsere Situation zu übertragen sind, wurde doch deutlich, dass Kirchen eine spezielle Kompetenz für Versöhnungsarbeit besitzen und diese auch gesellschaftlich in gewaltfreie Konfliktbearbeitung einbringen können.
Beklagt wurde, dass sich das Paradigma vom gerechten Frieden – in der EKD-Denkschrift 2007 verankert - auch kirchlich noch keineswegs durchgesetzt hat. Vielmehr ist Krieg als „ultima ratio“ noch immer eine denkbare und verschiedentlich durch Rechtfertigungen ge-stützte Option. Die Forderung der Gruppe lautete denn auch: Kirche in ihrer Gesamtheit (Ökumene) muss sich eindeutig und ausschließlich am Paradigma des Gerechten Friedens orientieren und dieses vom Rand ins Zentrum kirchlichen Lebens und Handelns rücken. Da-zu muss innerkirchlich und zwischenkirchlich ein theologischer Diskurs geführt und wach gehalten werden, beginnend bereits in der theologischen Ausbildung.
Kirche soll ferner ihre Kompetenz der Versöhnung und der gewaltfreien Konfliktbearbeitung stärken und ausbauen z.B. durch Ausweitung pädagogischer Programme, durch Etablierung kirchlicher Konfliktbearbeitungsstellen (die Nürnberger Kokon-Arbeitsstelle der ELKiB*) wur-de lobend und beispielhaft erwähnt!), durch strukturelle Stärkung und bessere Vernetzung der Akteure innerhalb der Kirchen und zwischen den Kirchen auf ACK-, GEKE-, KEK- und ÖRK-Ebene.*)
Ebenso sind Kooperation und Vernetzung mit nichtkirchlichen, zivilgesellschaftlichen und staatlichen Akteuren und Organisationen anzustreben. Die Internationale Ökumenische Friedenskonvokation in Kingston, Jamaika, im Mai 2011 mit ihren vier Arbeitsfeldern - Friede in der Gemeinschaft, mit der Erde, in der Wirtschaft, zwischen den Völkern - bietet die Mög-lichkeit, weitere Anstöße und konkrete Handlungsschritte zur Umsetzung zu erarbeiten.
Bündnisse und Kampagnen am Beispiel Armutsbekämpfung (AG3): Dort wurden fol-gende Thesen festgehalten: Das Spannungsfeld zwischen Bewegung/Selbstbestimmung und Institution/Lobbyarbeit muss erhalten bleiben. Die Kirchen sollten Allianzen bilden und bündnisfähig und bündnisbereit sein, z.B. mit anderen NGOs*). Die Kirchen müssen sprach-fähig bleiben (oder werden?), um ihren Motivationshintergrund deutlich zu machen (Option für die Armen, Befreiung, Auferstehung …). Der ÖRK muss von den Mitgliedskirchen ge-stärkt werden, damit er bei der Armutsbekämpfung eine führende Rolle übernehmen kann.
Quo vadis Ökumene?
Nachdem bereits K. Raiser mit Hilfe des Begriffs „Paradigmenwechsel“ eine Deutung der Veränderungen – theologisch-ekklesiologisch und in Bezug auf Weltverantwortung – ver-sucht hatte, entfaltete O. F. Tveit, der derzeitige Generalsekretär des ÖRK, im 2. Hauptre-ferat das Verhältnis von Ekklesiologie und Weltverantwortung in ökumenischer Perspektive. Eine der Grunderfahrungen seiner bisherigen Amtszeit sei, dass Weltverantwortung im Kon-text der Alltagswelt wahrgenommen werden muss und sich der globale Horizont nur im Aus-tausch der verschiedenen Erfahrungen erschließen kann, wie sie im Miteinander der Kirchen im ÖRK möglich ist. Verantwortlichkeit für die Welt heißt, nach Tveit, Verantwortung wahrzu-nehmen im Bewusstsein, dass wir als eine Menschheit das Leben auf diesem begrenzten Planeten Erde teilen. Die Dekade zur Überwindung der Gewalt und der Aufruf zum gerech-ten Frieden (Kingston, Mai 2011) helfen uns, konstruktive Wege zur Gestaltung von Weltver-antwortung in diesem Sinne zu erproben. Hier spielt auch die Einheit der Kirchen eine wich-tige Rolle. Wir haben die Aufgabe zu zeigen, warum Einheit unserem Zeugnis für die Welt dient und unsere Botschaft glaubwürdiger macht., so Tveit. Schließlich sollen wir eins sein, damit die Welt vertrauen und glauben kann, dass Friede möglich ist.
Verantwortung für die Welt bedeutet zugleich Verantwortung vor der Welt und vor Gott. Un-ser Handeln soll zeichenhaft vorwegnehmen, dass das Kommen der Herrschaft Gottes die ganze Schöpfung verwandelt. Weltverantwortung als Verantwortung vor Gott und vor der Welt ist nicht allein die Aufgabe Einzelner. Sie gehört elementar zum Sein der Kirche. Tveit verweist weiterhin auf die Konvergenzerklärungen der Kommission für Glauben und Kirchen-verfassung zu Taufe, Eucharistie und Amt. Dort heißt es bei der Eucharistie: „… sie ist eine ständige Herausforderung bei der Suche nach angemessenen Beziehungen im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben. … Als Teilnehmer an der Eucharistie erweisen wir uns daher als unwürdig, wenn wir uns nicht aktiv an der ständigen Wiederherstellung der Situation der Welt und der menschlichen Lebensbedingungen beteiligen.“
Des Weiteren führt Tveit den Begriff „Rechenschaftspflicht“ in die Überlegungen ein: Weltver-antwortung schließt ein, dass wir voreinander und vor der Welt rechenschaftspflichtig sind. Wir sind rechenschaftspflichtig vor Gott für alle Gaben, die wir empfangen haben und gegen-über den Armen – vor Ort, regional und weltweit. Durch die Zusammenarbeit in der ökume-nischen Bewegung haben wir verstanden, dass der Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung den Auftrag der Kirchen, Zeugen für das Evangelium in der Welt zu sein und die Trennung der Kirchen zu überwinden, mit einschließen muss. Tveit benennt schließlich 5 Handlungsfelder, die ein relevantes Zeugnis der Kirchen in der Welt ermögli-chen: die Suche nach der Einheit, die Mission der Kirche, der Einsatz für Gerechtigkeit, Frie-den und die Schöpfung Gottes. Ohne diesen Einsatz sind die Kirchen auf internationaler E-bene keine relevante Größe. Hinzu kommen als Handlungsfelder die interreligiöse Koopera-tion und die Stärkung der ökumenischen Dimension theologischer Ausbildung.
Auch in den Kommentaren zu den Referaten wurden wichtige Aspekte beigesteuert oder ver-stärkt: Im Dialog mit den anderen Religionen sind deren Kräfte zum Frieden zu entdecken. Die sichtbare Einheit der Kirchen erweist sich im gemeinsamen Zeugnis in den brennenden (Über-)Lebens¬fragen (in diesem Verständnis arbeitet das ÖNB seit Jahren!).
Ein kritischer Blick von außen auf die Tagung
Der Journalist Andreas Zumach, als „ökumenenah und zugleich säkular erfahrungserprobt“ angekündigt, hatte die Aufgabe, die Tagung aus der Beobachterperspektive kritisch zu kom-mentieren. Ausgehend vom Begriff der Asymmetrie konstatierte er ein Ungleichgewicht der Konfessionen – schließlich war es ein ökumenisches Thema –, ein Ungleichgewicht der Ge-schlechter (ist Ökumene männlich?), Basisorganisationen waren kaum vertreten, dagegen viele “Kirchenfunktionäre“, und ein deutliches Ungleichgewicht bei der Zuordnung zu den Arbeitsgruppen: Von den 92 Teilnehmenden entschieden sich nur 25 für die 3 Arbeitsgrup-pen zu den Themen des konziliaren Prozesses, alle anderen verteilten sich auf die Themen der inner- und zwischenkirchlichen Ökumene (Konfliktbearbeitung innerhalb der Ökumene, plurale Glaubenskulturen, Formen ökumenischer Zusammenarbeit). In eindringlichen Worten stellte er uns vor Augen, dass notwendige Paradigmenwechsel in der Politik (und auch in den Kirchen) noch nicht vollzogen seien, z.B. im Blick auf die fortbestehende Gewalt bei der Lösung von Konflikten, im Blick auf die Erderwärmung als beispiellose Möglichkeit der Ver-nichtung der Menschheit und im Blick auf eine Wachstumsideologie, die zur Ausplünderung des Planeten führt. Trotz aller internationalen Verflechtungen sei es nötig, die national-staatliche Ebene in der Kampagnenstrategie nicht zu vernachlässigen und insbesondere bei der Klimaproblematik sei auf nationalstaatlicher Ebene durchaus wirksames Handeln mög-lich.
Die Vorbereitungsgruppe der Tagung hatte „Nacharbeit“ von Anfang an in ihre Planungs-überlegungen aufgenommen und verpflichtete sich am Tagungsende noch einmal, mit den Ergebnissen weiterzuarbeiten. Man darf gespannt sein!
Einen großen Teil der Referate und Beiträge finden Sie übrigens im Netz:
www.loccum.de/oekumene
Folgende Abkürzungen wurden verwendet:
AcK: Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen; EKD: Evangelische Kirche in Deutschland; ELKiB: Evang.-Luth. Kirche in Bayern; GEKE: Gemeinschaft Evang. Kirchen Europas; KEK: Konferenz europäischer Kirchen; NGO: Nicht-Regierungs-Organisationen; ÖNB: Ökumeni-sches Netz Bayern; ÖRK: Ökumenischer Rat der Kirchen
Elisabeth und Bernd-Dieter Fischer
Bitten der Kinder
Die Häuser sollen nicht brennen
Bomber sollt man nicht kennen
Die Nacht soll für den Schlaf sein
Leben soll keine Straf sein
Die Mütter sollen nicht weinen
Keiner sollt töten einen
Alle sollen was bauen
Dann kann man allen trauen
Die Jungen sollen's erreichen
Die Alten desgleichen
(Bertolt Brecht)
Politisches Samstagsgebet – 29. 1. 2011
Sicherheit geht anders: Miteinander statt gegeneinander
Seit die einst als eherne Naturgesetze erkannten Beziehungen eher als kosmische Gewohn-heiten begriffen werden, ist zugleich der letzte Anker für letzte Sicherheit auch in den Natur-wissenschaften gehoben. Das heißt, Sicherheit ist immer relativ. „Wissenschaftlich bewie-sen“ bedeutet, ehrliche Arbeit vorausgesetzt, eine relative Sicherheit dafür, dass der Theorie auch eine Wirklichkeit, meist Wirksamkeit entspricht. Das gilt auch für die wissenschaftlich betriebene Wehrkunde, die der Münchener Sicherheitskonferenz zugrunde liegt. Sie geht da-von aus, Sicherheit vor einem traditionellen Krieg als bewaffnete Auseinandersetzung zwi-schen mindestens zwei Staaten sei durch entsprechende Anstrengungen in Waffentechnik und Strategie zu gewährleisten.
Kriegsähnliche Auseinandersetzungen in Afghanistan, international agierender Terrorismus, sich bekriegende Drogenkartelle und die potenzielle Bewaffnung von jedermann mit Hilfe von Chemikalien aus dem landwirtschaftlichen Lagerhaus und der entsprechenden Bauanleitung aus dem Internet nach Art eines Kochbuchs: „Man nehme“, zeigen uns, Sicherheit ist mit ma-teriellen Mitteln weder zu gewährleisten noch zu gewinnen. So muss tiefer angesetzt wer-den, dort, wo Sicherheit als Bedingung für ein geglücktes Leben des Individuums, der Fami-lie wie letztlich der Menschheitsfamilie ersehnt und angestrebt wird: Im Denken, in der emo-tionalen wie sozialen Verfasstheit des Menschen. Das heißt: Sicherheit geht anders. Im Mit-einander statt im Gegeneinander läge die Grundstruktur zur Lebensbewältigung der Kreatur Mensch, die nach der aristotelisch- scholastischen Definition als animal rationale et sociale beschrieben, also mit Vernunft und sozialer Bindung ausgestattet ist.
Leider fehlt es am Gleichklang unter den Menschen; im Denken ebenso wie in der emotiona-len Bindungsfähigkeit und in den sozialen Vorstellungen. Solchen Gleichklang zu suchen und in etwa herzustellen, um Sicherheit für alle und in allen Lebensphasen zu gewinnen, ist eine Herkulesaufgabe der Menschheit, verstärkt in einer immer dichter ineinander ver-schränkten Welt. Die Schwierigkeiten beginnen oft genug im eigenen Lager derer, die er-klärtermaßen Sicherheit für alle als gemeinsames Ziel betonen. Da wird nicht nur um deren Inhalt und den besten Weg dazu gerungen, sondern oft genug um ein Monopol gestritten. Damit wird aber das überzeugende Moment geschwächt, das so notwendig wäre, um die Antithese zu Ideologen und Fundamentalisten zu setzen in der Hoffnung und Überzeugung, nur der Erfolg auf Dauer wird den Beweis für die Richtigkeit des mühsam angestrebten Mit-einander liefern. Das setzt jedoch über die eigene Überzeugung hinaus auch ein Gegenüber voraus, das in etwa die ausgesandte Wellenlänge zu empfangen fähig und bereit ist. Das heißt ein Miteinander stößt auch an Grenzen, die abgesehen von eigenen Schwächen vom Gegenüber gesetzt sind, und die es zu beachten gilt.
Als Beweis einer mörderischen Ideologie, die jegliches Miteinander ausschließt, zitiert der zeitgenössische Philosoph Sloterdijk eine Depeschenantwort Lenins an einer seiner Funktio-näre, der zu bedenken gab, dass unter den zu Liquidierenden offensichtlich Unschuldige sind. Die Antwort lautet: Der Tod Unschuldiger unterstreicht nur die Ernsthaftigkeit des Un-ternehmens. Im religiösen Bereich kennen wir das aus bitterer Erfahrung der frühen Kirche uns überlieferte Jesus-Wort: „ Sie werden euch aus den Synagogen ausstoßen. Ja, es kommt die Stunde, wo jeder, der euch tötet, Gott damit einen heiligen Dienst zu erweisen glaubt“ (Joh. 16,2).
Die abscheulichsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte stellen diejenigen, die von einer Ideologie besessen sind, zu deren Verwirklichung sie bedenkenlos Menschenleben opfern, oder diejenigen, die einem Gott nach ihrem Bild und Gleichnis zum Leben, oder einem säu-migen Gott auf die Sprünge helfen wollen damit endlich die “wahre“ Ordnung her- oder wie-der hergestellt wird.
Mit solchen gibt es kein Miteinander, weil sie die weithin gemeinsame Grundüberzeugung nicht teilen, dass Menschenleben unantastbar ist und deshalb von der Gemeinschaft ge-schützt werden muss und jedes Sich –an- ihm -Vergreifen zu ächten ist.
Leider sind wir als Gesellschaft und Einzelne, sowie in der Politik nicht konsequent genug. Wir müssen unser eigenes Sicherheitsbestreben auf den Prüfstand stellen. Die Sicherheit vor Krieg genügt uns, wenn er nur weit genug weg und ohne nationale Beteiligung und Fol-gen geführt wird. So hat die Friedensbewegung trotz der vielen und blutigen Stellvertreter-kriegen im vergangenen Jahrhundert buchstäblich die Schwindsucht bekommen. Wieweit ein Krieg zur Sicherung von Rohstoffen, und damit in unser aller Interesse als Mitglieder einer Industrienation, gesellschaftlich tatsächlich geächtet würde, bleibt mehr als fraglich. Sicher-heit vor Terrorismus ist aller Anstrengung und Mittel wert, solange wir uns nicht der mühsa-men Aufgabe unterziehen, nach dessen tieferen Wurzeln und somit nach unserem Beitrag zu dessen Entstehen nachforschen. Es sind die großen Vereinfacher, die ein ganzes Land zum Reich des Bösen erklären und sie finden willige Medien als Plattform. Erst durch sie wird die gewollte Verführung wirksam. Der oder die Bösen müssen häufig erst geschaffen werden, um sie dann guten Gewissens bekämpfen zu dürfen.
Will man aber um der gemeinsamen Sicherheit willen Dialog, muss der Partner oft genug in unserer Wahrnehmung und in unserem Denken erst entdämonisiert werden.
Als zwei historische Beispiele dürfen Michail Gorbatschow und Nelson Mandela gelten. Es dauerte lange, bis ihnen ehrliche Absicht, Friedenswillen und damit ein historisch zu nennen-der Beitrag zur Sicherheit für mehr als einen Kontinent zugetraut wurden. Ein Kommunist, wie Gorbatschow, konnte nach der veröffentlichten Meinung im Westblock nur mit einer „hidden agenda“ operieren. Das heißt sein wirkliches und ausschließliches Ziel konnte nur sein, die Sowjetunion zu bestimmenden Weltmacht werden zu lassen. Etwaige Äußerungen zum Weltfrieden waren damit lediglich als Sirenengesänge zu betrachten.
Nelson Mandela wurde als die große politische, natürlich kommunistische Gefahr für ganz Schwarzafrika weggesperrt. Um die Welt das glauben zu machen, hat die Apartheid-Regie-rung ihren ganzen diplomatischen Tross unter Dampf gehalten. Als sich die systematische, kriminelle Vernebelung verzogen hatte, kam ein Mensch von faszinierendem Friedenswillen zum Vorschein. Beide Gorbatschow und Mandela mussten lange um ihre Entdämonisierung ringen, bevor sie als Dialogpartner anerkannt wurden.
Die Gewissenserforschung geht weiter.
Sicherheit des Arbeitsplatzes ist ein unbestreitbar gerechtes Anliegen. Dennoch muss man fragen, um welchen Arbeitsplatz es sich handelt. Sichert er das Einkommen für ein men-schenwürdiges Leben? Sichert er auch die Würde der Arbeitenden und geht er auf Kosten von Ausbeutung anderer Menschen, der Kreatur oder der Mitwelt? Es ist die Frage nach dem Preis, wer ihn zu bezahlen oder zu erleiden hat.
Die inzwischen bereits blutigen Unruhen zunächst in Tunesien und Ägypten dürften uns daran erinnern, dass unser Anliegen als Urlaub suchende Gesellschaft offensichtlich die Sicherheit der Ferienstrände, das der Politiker die „Stabilität der Region“ nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen ist. Ob diese Stabilität einem Korsett oder einer Zwangsjacke zu verdanken ist, - für unsere Interessen scheint das unerheblich. Die Menschen und ihre Probleme dort, haben wir schlicht nicht wahrgenommen. Mit unserem Maßstab gemessen, sind sie von geringem spezifischem Gewicht.
Die Beachtung der Geringsten macht jedoch nach den Worten des Propheten aus Nazareth die neue Gesellschaft aus, in der die eingefleischte Hackordnung durchbrochen und beseitigt werden soll. Wo dies tatsächlich geschieht, spricht Jesus von Reich Gottes. Es ist dort, wo Menschen dies wahrmachen: Die Achtung der Geringsten an die anderen und an sich selbst als Richtschnur für Menschsein und Gottesdienst anlegen. Um jedes Missverständnis zu ver-meiden, dass das Reich Gottes nur dort zu finden sei, wo die „wahre“ Religion bzw. Konfes-sion bestimmend ist, dient Jesus der barmherzige Samariter (vgl. Lk 10,30-37) als Vorbild: Ein im jüdischen Denken rassisch minderwertig eingestufter Mensch, weil mit Nichtjuden vermischt, religiös ein Häretiker und sozial einer, der mit Tempel und dergleichen nichts zu tun hat. Dieses Gleichnis vom Samariter sollte den Zuhörern die Augen öffnen für die not-wendige Grundhaltung, die ein Philosoph unserer Tage, Gianni Vattimo, mit dem Begriff des „Pensiero debole“ beschreibt. Wissen und folglich Handeln aus dem Bewusstsein von Schwäche, die grundlegend unsere Existenz bestimmt, als Angewiesensein auf den und die Anderen, weil nur so wirklich menschliches Leben möglich wird. Denken und Handeln aus Überlegenheit und Anwendung von Gewalt, sind in ihrer Konsequenz tödlich in vielfältiger Form. Die Folge solch philosophischen Denkens ist ein mit der Natur des Menschen gege-benes und aufgetragenes Miteinander. Vattimo ist kein „christlicher“ Philosoph, aber sein Denken führt uns – Christen allemal – hin auf das Wort Jesu: „Was ihr dem Geringsten mei-ner Brüder / Geschwister getan habt, habt ihr mir getan.“ Dieses Wort auf dem Hintergrund, wer dieser Jesus im Glauben seiner Zuhörer ist, klingt im Umkehrschluss weniger abge-droschen und fordert ein weiteres Mal zu eigenen Gewissenserforschung heraus: „Was ihr den Geringsten meiner Geschwister angetan habt, habt ihr mir angetan“. Ein Wort, gespro-chen zu Menschen, die in ihm mehr sahen als einen Propheten im alten Israel, die im Namen der höchsten Autorität sprechen. Beim Propheten Jesaja heißt es, um die Rolle des Pro-pheten deutlich zu machen in orientalisch blumiger Sprache:„Denn siehe ich mache dich heute zu einer festen Stadt, zu einer eisernen Säule, zu einer ehernen Mauer wider das ganze Land: Wider die Könige Judas, seine Fürsten und Priester, als auch wider das Volk des Landes“ (Jes. 1,18 – 19). Was der Prophet zu sagen hat, immer korrigierend, aufmun-ternd und drohend, geht die gesamte Gesellschaft: Die politische Führung zuerst, aber ebenso – übersetzt in unsere Zeit, die Kirchen und Religionsgemeinschaften, um ein Miteinander der Völker möglich zu machen.
Aus der jüdisch-christlichen Tradition wie in der Philosophie fehlt es nicht an Orientierungs-lichtern und Leitplanken für ein gutes Miteinander. Was uns fehlt, ist die Kraft, den ausge-steckten Weg mit anderen zu gehen mit und trotz der Erfahrung der eigenen Schwäche und der der anderen; leider auch immer in der Versuchung, rücksichtslos zu werden zum eigenen Vorteil und unter der Vorstellung, dieser sei gleichzeitig auch ein Vorteil für alle.
Miteinander geht anders.
Othmar Noggler
Weltweit betrugen laut dem schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri im Jahr 2010 die Ausgaben für militärische Zwecke 1,6 Billionen Dollar (das sind 1,1 Billionen Euro). Gegen-über dem Vorjahr sind diese Ausgaben um1,3 % gestiegen. Die USA sind mit 698 Milliarden Dollar weit führend, an zweiter Stelle liegt China mit 119 Milliarden Dollar. Es folgen Russ-land, Frankreich und Großbritannien. Deutschland liegt mit 45,6 Milliarden Dollar an achter Stelle.
Beschluss DV
„Hallo Finanzamt – Steuern gegen Gewalt“
Mit der Aktion „Hallo Finanzamt - Steuern gegen Gewalt“ schickten zum Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung, dem 15. Mai, viele SteuerzahlerInnen einen Antrag an ihr Fi-nanzamt: Es möge dafür sorgen, dass ihre Steuern nur zivilen Zwecken und nicht mehr der Finanzierung von Rüstung, Militär und Krieg dienen.
Das Netzwerk Friedenssteuer stellt dazu entsprechende Musterbriefformulare auf seiner In-ternetseite (www. netzwerk-friedenssteuer.de) zur Verfügung.
Natürlich kann man auch einen individuellen Antrag stellen. Nicht übersehen werden sollten auch die angegebenen, gründlich erwogenen Bestandteile der Musterbriefe aus Grundge-setz und Abgabenordnung. Sie bilden die Rechtsgrundlagen, die es dem Finanzamt erst möglich machen, Ihrem Antrag stattzugeben.
Bei einem derartigen Antrag sollte man sich auch über die Konsequenzen im klaren sein. Straf- oder zivilrechtliche Folgen gibt es keine. Stattdessen:
• weniger lähmenden Frust (wie z.B.:„da kann man ja eh nichts machen“)
• Lust am Weitermachen (wie war das mit dem Sand?)
• couragierte Finanzämter finden, die das Grundrecht der Gewissensfreiheit, auch wenn es um-Steuern geht, nicht verletzen - und
• Weichen stellen für eine friedvolle Zukunft.
Beharrliche Menschen haben auf dem Weg über die Finanzämter erreicht, dass Finanz-gerichte die durch Steuerzahlung entstehenden Gewissensprobleme anerkannt haben. Machen Sie mit, damit alle SteuerzahlerInnen verantwortungsbewusste ZivilsteuerzahlerIn-nen werden können.
Ein weiterer Schritt auf diesem Weg ist, dass der Begriff der „Unbilligkeit“ bzw. „erheblichen Härte“ in der Abgabenordnung eine ethische – nicht nur eine wirtschaftliche – Deutung er-fährt.
Eine Verfassungsbeschwerde ist eingereicht und der Entwurf zu einem Zivilsteuergesetz liegt vor.
Damit also ran ans Briefeschreiben.
Die pax christi Diözesanversammlung empfiehlt den Mitgliedern von pax christi München an der Aktion teilzunehmen.
Politisch und erfrischend anders
LORA München ist das politische und parteiunabhängige Münchner Wortradio. Ohne Denk-verbote und Dogmatismus versucht LORA München gegen Stammtischparolen, postmoder-ne Beliebigkeit und Fundamentalismen aller Art anzutreten. Wichtiger als aufgeregte Aktua-lität sind bei LORA München Meinungen, Analysen, Diskussionen und Nachrichten, die Spu-ren legen und Orientierung geben im täglichen Wahnsinn. Monetär sind wir auf den guten Willen und das gute Geld unserer HörerInnen angewiesen. Auf diese Weise kann die Unab-hängigkeit gewahrt bleiben. Sie erhalten dafür das gute Gefühl, wichtige Arbeit zu unterstüt-zen und dazu beizutragen, zukunftsfähige Ansätze in Politik, Kultur und Wissenschaft zu ver-breiten. Asyl und Freiheit für das Wort Radiotapete im Hintergrund ?! In München geht das seit 1993 auch anders: Als Alternative zu den privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern ist LORA München angetreten, eine neue Hörkultur zu etablieren. Neben den kommerziellen Formatradios und dem staatstragenden Bayerischen Rundfunk behauptet sich LORA Mün-chen mit werktäglich inzwischen sieben Stunden engagiertem Programm. Unsere Stärke ist nicht die fröhliche Dampfplauderei. Vielmehr streben wir jeden Tag aufs Neue der Wahr-heitsfindung entgegen: Zusammenhänge herstellen, Gedanken weiterführen, die Zumutun-gen der Tagespolitik zerpflücken und ganz viel Kultur schaffen und präsentieren, das ist unsere Vorstellung von einem Freien Radiosender.
(Aus der Selbstdarstellung von Radio Lora)
Nichts ist unmöglich
Wenn die Lage schwierig ist,
beunruhigend und bedrückend,
dann ist sie genau so;
aber das ist nicht das Ende der Welt,
geh immer voran.
Wenn die Menschen hart sind,
hasserfüllt und herzlos,
dann sind sie genau so;
und sie sind ein Teil unseres Lebens,
kämpf dich immer vorwärts.
Wenn du dich wie tot fühlst,
niedergeschlagen und entmutigt,
das ist überhaupt nichts Neues;
wir alle fühlen uns oft so,
stoß immer weiter vor.
Wenn die Zukunft dunkel ist,
trostlos und trübe,
dann ist sie genau so;
das kann nicht immer unverändert bleiben,
nichts ist unmöglich.
Saui Ndlovu, Zimnanwe
rev: 1.1 2011-11-13 11:54:17 +0000